Liebe Gemeinde,

Liebe Gemeinde,

ein Mensch, so wie es aussieht eine Frau, verlässt mit einem großen Schritt eine quadratische Platte. Sie trägt einen langen Mantel mit großen Taschen und einem breiten Kragen. Einzig der mit krausem Haar bedeckte Kopf ragt ungeschützt und andersförmig aus der geradezu geometrisch geformten Gestalt heraus. Obwohl der Blick nach innen gerichtet ist, deutet die Kopfhaltung eine Sicht in die Ferne.

Irgendetwas holt diesen Menschen aus seinem gewohnten Bereich heraus und lässt ihn bewusst den Schritt ins Niemandsland machen.

Was für den einen ein Wagnis, ist für den anderen ein ganz normales Bedürfnis: Neuland beschreiten, neue, bis dahin unsichtbare Wege gehen oder sie erschließen.

Wege sind zuerst immer ein „weg-gehen“, ein Verlassen des Bekannten, Vertrauten und Gewohnten, vielleicht sogar der Heimat. Etwas Verlassen bedeutet zuerst immer einmal in die Fremde ziehen und zu einem Fremden zu werden. Die quadratische Platte deutet das Verlassen dieses Bekannten an. Es sieht wie ein Übergang ins Nichts, ins Niemandsland, ins Ungewisse aus.

Doch in der menschlichen Gestalt ist eine innere Gewissheit zu spüren, eine Körperhaltung, die scheinbar selbstverständlich diesen Schritt gehen lässt. Aufrecht und bewusst geht sie den Schritt nach vorne, ohne Angst, ohne Zögern, sondern mit einer geheimnisvollen Gelassenheit und Selbstverständlichkeit.

Es muss ja auch nicht immer der letzte Schritt sein. Wer sich weiterentwickeln will, muss „Fort-Schritte“ machen. Wer Neues kennenlernen will, muss seinen Blick visionär auf das Zukünftige ausrichten. Er oder sie muss bereit sein, lieb gewonnenes zurückzulassen bzw. es als verinnerlichte Erfahrungen, eben Erinnerungen und Beziehungen, mit auf die Reise zu nehmen. Ohne Rucksack, ohne Gepäck oder Proviant.

Im persönlichen Leben haben wir das immer wieder – und im Moment ganz besonders: Wir leben in einer Zeit des Umbruchs und der Veränderung. Das gilt für die ganze Gesellschaft und auch für uns als Kirche.

Muss mir das Angst machen?

Nein!

So wie sich unser Leben immer verändert, wandelt sich auch unsere Gesellschaft und damit verbunden auch die Kirche. Das war in den letzten 2000 Jahren so und es wird auch weiter so sein.

Und wir gehen ja auch keinen Schritt ins Nichts. Wir gehen in die unendliche Weite Gottes. Seine unsichtbare Gegenwart hält die Gestalt – und uns – aufrecht, sein Geist führt.

Die schreitende Frau erinnert an die Weisung Gottes an Abram: „Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.“ (Gen 12,1-4a)

„Fort-schreiten“ ist eine positive Weiterentwicklung, ein innovativer, also erneuernder Prozess, der mit Gottes Hilfe das Leben in einer neuen Dimension erleben lässt.

Ja, es wird in den nächsten Jahren zu zahlreichen Veränderungen in unserer Gesellschaft, in der Kirche und damit auch in unseren Leben kommen. Und das wird sicher nicht immer einfach. Aber wir bereiten uns vor, halten nicht fest, sondern freuen uns auf das, was wir – begleitet von Gottes Segen – gestalten dürfen.

Das feiern wir übrigens auch immer an Weihnachten: Gott kommt in die Welt, dass wir mit Mut, Kraft und Lebensfreude unser Leben und seine Welt gestalten. Schon allein deshalb: Gesegnete Weihnachten und ein hoffnungsfrohes neues Jahr!

Ihr Pfarrer

Dr. Martin Weber