Liebe Gemeinde,

 

 

 

  

Liebe Gemeinde

„1 freier mensch“

Ein ungewöhnliches Kunstwerk: Als Papier wurde die Rückseite eines Kalenderblattes verwendet. Unten sind gut die Perforierung und die halbrunde Ausbuchtung für die Aufhängung zu sehen. Ein erster Hinweis, worum es hier geht: ein abgelaufenes Kalenderblatt wird umgedreht und auf den Kopf gestellt und erhält dadurch eine neue Bedeutung: wie durch eine Zeitenwende hindurch bekommt es wieder einen unbestimmten, offenen Zeitrahmen. Ein Tannenzweig dominiert die Mitte des Blattes. Aufgeklebt in die neue Zeit und Möglichkeit. Ein Strichmännchen mit gekrümmter Wirbelsäule und erhobenen Armen. Der Kopf ist am wenigsten ausgebildet. Eine Kopfform ergibt sich aber durch die Verdichtung von vier Verästelungen über der zentralen Vertikalen. So kann ein froher und tanzender Mensch darin gesehen werden, ein Mensch, der sich frei bewegt. Durch den Tannenzweig ist aber vor allem die Verbindung zu Weihnachten gegeben, so dass im Tannenzweig ein liegendes Kleinkind wahrgenommen werden kann.

Mit dem Tannenzweig schafft der Künstler einen zweiten Bezug zur Zeit: das Wachsen und Erstarken wird genauso sichtbar wie die Vergänglichkeit. Zum einen im noch kräftigen Grün, zum anderen in den heruntergefallenen Nadeln, sie sich im Rahmen hinter dem Glas, unten am Rand sammeln.

Über und unterhalb des Zweigs steht in dunklem Rot der Titel: „1 freier mensch“. Die 1 als Ziffer, um im Gegensatz zur Beliebigkeit des Wortes „ein“ die Einzigartigkeit dieses „freien Menschen“ zu betonen. Und das „mensch“ klein geschrieben, aber unterstrichen – frei und doch geerdet.

„1 freier mensch“ - Gottes Sohn, der den Menschen den Frieden bringt, den unsere Bibel als einzigen wirklich freien Mensch beschreibt, weil er frei von jedem eigenen Interesse und unbelastet von jeglicher Verstrickung und Schuld handelte. Der feine Rahmen des Bilds unauffälliger Licht- oder Heiligenschein?

Und das, was für Jesus gegolten hat, gilt auch für uns: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, schreibt Paulus an die Gläubigen in Galatien. Als auf Christus Getaufte sollen wir als freie Menschen handeln und neue Wege gehen. Martin Luther war einer von vielen Persönlichkeiten, die im Hören auf den Heiligen Geist und die innere Stimme es wagten, kontrovers zu denken und handeln, und dadurch zur Erneuerung von Kirche und Gesellschaft beigetragen haben. Heute stehen wir in ihrer Nachfolge.

Felix Dröse hat sein Kunstwerk daher auch als Spiegelbild erschaffen und es bewusst zum 500. Jahrestages des Thesenanschlages Martin Luthers lanciert: Sehen wir uns selbst so, wie Weihnachten uns zeigt, dass wir eigentlich sind: „1 freier mensch“?

Die Advents- und Weihnachtszeit lädt ein, darüber nachzudenken, was uns wirklich wichtig ist im Leben und ob wir auch so leben: ich kann immer etwas verändern und manchmal genügt schon ein anderer Blick für eine neue Perspektive – Gott lädt uns dazu ein: jedes Jahr neu!

Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen,

Ihr Pfarrer
Dr.Martin Weber