Liebe Gemeinde,

500 Jahre Reformation, da kommt man nicht darum herum! Ich finde das erstaunlich: Bis heute ist der Reformationstag kein einheitlicher Feiertag, obwohl er nun unfraglich zu den größten Ereignissen der gesamten Geschichte gehört. Die Kirchen – auch die lutherische – stehen in der Kritik, die Mitgliederzahlen schrumpfen. Eher muss ich mich doch heute rechtfertigen, warum ich noch nicht aus dem Laden ausgetreten bin…

Wie passt das mit dem Hype zusammen, der nun im Jahr 2017 veranstaltet wird? Ist es der berühmte Kampf von David gegen Goliath, der fasziniert: der kleine Mönch vor dem großen Papst? Macht es seine Standfestigkeit aus, die heute ja häufig anders gelebt wird: Hier stehe ich, ich könnt auch anders? Ist es der Erfolg, den er erzielt hat, zum Teil zwar für einen hohen Preis, aber um den neuen Präsidenten der USA zu zitieren: Was wollt ihr, ich habe gewonnen?

Vermutlich greift das alles zu kurz. Wir leben heute ganz selbstverständlich auf der Basis von dem, was diese Reformation und ihr Reformator ausgelöst hat: Die Theologie der Gnade, der Liebe, der Rechtfertigung! Hinter diesen abstrakten Worten verbirgt sich die tiefe innere Erkenntnis, von der wir alle leben:

- Mein Wert als Mensch ist unabhängig von meinem Kontostand, meiner Karriere, meinem Auto, meiner Gesundheit oder was wir sonst immer meinen, was auf diesem Planeten wichtig ist. Was mich ausmacht, das habe ich unabhängig von dem, was ich mir selbst schaffen kann. Das kann mir niemand geben und niemand nehmen. Das hat mir Gott geschenkt und aus dieser Freiheit heraus kann ich mein Leben aufrecht und mit erhobenen Kopf gestalten. Luther sagt: „Wenn Liebe ist, da spricht sie: Ich frage nicht, was du hast, denn ich will dich.“

- Gnade kommt immer vor Recht. Ich bin nicht perfekt, auch wenn ich immer wieder so tue. Ich bin darauf angewiesen, dass mich jemand nimmt, wie ich bin, mit all meinen Ecken und Kanten. Und es ist ein Geschenk, einen solchen Menschen für sich zu finden. Und wenn ich das für mich selbst erlebe, werde ich auch mit anderen so umgehen können. Luther drückt das so aus: „Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man Vertrauen zu ihm habe.“
- Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Für seine Überzeugungen muss man eintreten, auch wenn es unbequem ist. Freiheit heißt nicht Beliebigkeit, sondern Verantwortung. Gott schenkt uns alles, was wir für ein gutes und freies Leben brauchen: vom Himmel fällt die Umsetzung aber nicht, da müssen wir schon selbst etwas dafür tun. Mit den Worten Luthers: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Widerlegt mich durch die Bibel oder durch Vernunft.“

- Der ganze Himmel gehört zu unserem Leben mit dazu. Aus dieser Freiheit heraus sollen wir diese Welt gestalten und unser Leben genießen, mit allem, was dazu gehört. Oder wie Luther es sagt: „Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.“ Und weil mir die – eigentlich immer dem kath. Barock zugeschriebene - Lebensfreude durchaus nahe liegt, noch dazu: „Darf unser Herrgott gute, große Hechte, auch guten Rheinwein schaffen, so darf ich auch wohl essen und trinken.“ Für mich ist die Reformation weniger ein historisches Ereignis, sondern vor allem etwas, was die Grundlage von Vielem darstellt, was für mich heute in meinem Leben so scheinbar selbstverständlich ist: Freiheit, Gleichheit, Bildung, Hoffnung, Lebensfreude!
Sich daran zu erinnern und daraus die Vergewisserung zu bekommen, dass das unsere Kinder und Kindeskinder auch noch so erleben sollen, dafür macht – gerade in unserer aktuellen politische Situation – so ein Reformationsjubiläumsjahr tatsächlich Sinn!

Empfangen und Weitergeben: In diesem Sinne wünsche ich ein bewusstes, ein aktives, ein segensreiches Reformationsjubiläumsjahr und hoffe, Sie bei einer unserer Veranstaltung persönlich begrüßen zu dürfen.

Mit einem reformatorischen Gruß verbleibe ich herzlich, Ihr Pfarrer

Dr. Martin Weber