Liebe Gemeinde,



minimal nur ist der künstlerische Eingriff in diesen Raum. Und doch markant. Der Raum wird durchbrochen.

Keinen lässt diese gelbe Tafel unberührt: „Heute keine Kreuzigung. Pilatus.“ Befremdlich leuchtet die Farbe aus dem dunklen Hintergrund heraus.

Wie eine Bekanntmachung ist das Schild aufgestellt, so wie man Schilder zur Orientierung in Häusern mit ständig wechselnden Anlässen aufstellt oder an Orten, an denen sich immer wieder etwas verändert.

Dieses Schild richtet sich eindeutig an ein neugieriges, schaulustiges Publikum. „Heute“ jedenfalls findet „keine Kreuzigung“ statt. Verantwortlich für diese Bekanntmachung zeichnet ein gewisser „Pilatus“.

Der Präfekt der römischen Provinz Judäa wollte den biblischen Texten nach zuerst Jesus nicht kreuzigen lassen. Diesbezüglich könnte man seine ursprüngliche Entscheidung durchaus in dieser Kurzform dem „Volk“ bekannt machen. Damals forderte das Volk gegen den Entscheid des Pilatus ein Todesopfer. Dieser beugte sich dem Volkswillen, „wusch seine Hände in Unschuld“ (Mt 27,24) und gab Jesus schließlich zur Geißelung und Kreuzigung frei.

Doch die Kundgebung des Pilatus erinnert nicht nur an das Geschehen damals, als Pilatus sich gegenüber dem Volk zu schwach zeigte, um für Jesus ein rettender Fels in der Brandung sein zu können. Das Schild ist nicht nur Hinweis auf eine historische, längst vergangene Situation. Sie ist vor allem eine Aufforderung an uns. Denn auch wenn gut 2000 Jahre zwischen damals und heute vergangen sind: Verurteilung, Schaulust und Sensationsgier sind geblieben.

Die Installation von Nikolaus Mohr, aufgestellt im Altarraum einer Kirche, erinnert daran, dass WIR niemanden kreuzigen sollen. Denn WIR stehen im Heute und WIR haben die Macht, uns für oder gegen Menschen einzusetzen.

An uns ist es, Gerechtigkeit zu unterstützen, an uns, Barmherzigkeit walten zu lassen und bedrohtes Leben zu schützen. „Heute keine Kreuzigung“ ist keine Eintagsfliege. Gerade durch das „Heute“ erhält die Kundgebung jeden Tag aufs Neue Brisanz.

Und „Heute keine Kreuzigung“ ist prägnant genug, um sich die Worte wie einen Leitsatz einzuprägen. Auch wenn bei uns niemand mehr wie zur Zeit Jesu gekreuzigt wird, so „be-gut-achten“ wir doch die meisten Menschen um uns herum, „be-urteilen“ sie nach unseren Kriterien, fällen oft Urteile über sie und verurteilen sie auf die eine oder andere Weise. Diesbezüglich ist „Heute keine Kreuzigung“ eine klare Aufforderung: Es geht auch anders! Jeder Tag und jeder Mensch bietet dazu Gelegenheit.

 

Eine gesegnete Passions- und Osterzeit wünscht Ihnen, Ihr Pfarrer

Dr. Martin Weber